Österreich ist ein Land großer Töchte

Österreich ist ein Land großer Töchter. Die Dokumentarfilmreihe von Inspiris Film in Kooperation mit ORF III möchte die einflussreichen Frauen des Landes sichtbar machen. Die Reihe widmet sich dem Selbstverständnis der Frauen – Damals und Heute. Jeder Film widmet sich der Lebensgeschichte einer Frau und erschafft ein Bild der weiblichen Lebensumstände in der Gesellschaft der jeweiligen Lebenszeit und der Gegenwart.

Hedy Lamarr: die Wienerin galt in den Dreißigerjahren als „schönste Frau der Welt“ und wurde als Teenager schlagartig berühmt – durch die erste Nacktszene der Filmgeschichte.

Die auch „jüdische Marilyn Monroe“ genannte Schauspielerin führte ein Leben, das ebenso turbulent wie tragisch war. Sie war Shooting Star in den großen Tagen  Hollywoods, eine der ersten als Marke aufgebauten Schauspielerinnen der Welt, die gezielt mit Filmrollen und ihrem Privatleben von den Filmstudios ins Scheinwerferlicht  gestellt  wurde.

Die Schauspielerin kam bei MGM unter Vertrag, musste aber ihren Namen ändern.MGM wollte nicht mit dem Nacktskandal in Verbindung gebracht werden. Deshalb wurde in den USA aus der Wienerin Hedwig Eva Maria Kiesler Hedy Lamarr.

Um den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu unterstützen, entwickelte sie gemeinsam mit einem Freund das sogenannte Bandspreizverfahren und meldete ein Patent an. Ursprünglich als “geheimes Kommunikationssystem entwickelt, bildet das Verfahren heute die Grundlage für WLAN oder auch Bluetooth.Die Dokumentation folgt Lamarr als Verkörperung der Weiblichkeit im Zerrspiegel gesellschaftlicher Erwartungen und Ansprüche und erzählt von ihrem Leben, das dramatischer kaum hätte sein können: Sechs Ehemänner, unzählige Liebschaften, später viele Schönheitsoperationen und schließlich der Abstieg in die Armut und Bedeutungslosigkeit gealterter Filmstars der goldenen Zeiten Hollywoods. Und mittendrin eine der wichtigsten technischen Erfindungen der Welt.

 

Die Wiener Schauspielerin Dorothea Neff versteckte während des Nationalsozialismus mehrere Jahre ihre jüdische Freundin Lilli Wolff in ihrer Wohnung in Wien. Daran zerbrach ihre Liebe – aber das Leben von Lilli wurde gerettet.

Dorothea Neff war eine mutige Frau ihrer Zeit – eine Künstlerin, die unkonventionell dachte und der die religiöse Ausrichtung ihrer Kolleginnen egal war. So wie von Lilli Wolff: Sie war eine jüdische Schneiderin, die Dorothea Neff bei einer Kleideranprobe kennenlernte. Lilli war mit ihrer eigenen Schneiderei eine erfolgreiche Geschäftsfrau, beschäftigte 25 Angestellte.

Kurz nach der Reichsprogromnacht wurde Lilli Wolff als Jüdin enteignet und beschloss, nach Wien zu reisen, zu ihrer Bekanntenvund späteren Geliebten Dorothea Neff. In Wien angekommen musste sie erkennen, dass auch hier die Judenverfolgungen nicht weniger schlimm waren als in Deutschland. Als Lilli im Herbst 1941 die Deportation drohte, beschloss ihre Freundin Dorothea, sie nicht gehen zu lassen. Damit begann eine schwierige Zeit: Lilli versteckte sich in Dorotheas Wohnung, während diese weiterhin am Volkstheater spielte und nach außen hin den Anschein der Normalität aufrecht erhielt. Es gab immer zu wenig zu essen, Lilli lebte in der ständigen Gefahr, entdeckt zu werden, gleichzeitig war sie immer wieder krank. Selbst einen Krankenhausaufenthalt und die Luftangriffe auf Wien überstand sie unerkannt. Die Beziehung der beiden Frauen war intensiv, aber auch schwierig: Die Eine war frei, die Andere eingesperrt. Nach der Befreiung trennten sich ihre Wege und sie sahen sich nie wieder. Der Krieg hat sie doch noch entzweit… Durch die Dokumentation führen Ausschnitte aus dem Theaterstück „Du bleibst bei mir“, das Felix Mitterer über Lillis und Dorotheas Geschichte verfasst hat. Die Hauptrolle Dorothea spielt die Wiener Schauspielerin Andrea Eckert – die tatsächlich auch eine Schülerin Dorothea Neffs war. Im Interview spricht sie über ihre Lehrerin Dorothea. Experteninterviews mit Persönlichkeiten wie Hannah Lessing, Danielle Spera und Herwig Hösele, dem Historiker Michael John und Verantwortlichen aus der Gedenkstätte Yad Vashem vertiefen die Einblicke in die Geschichte.

Der Film „Dorothea Neff“ ist Teil der Dokumentationsreihe „Gerechte unter den Völkern“. In vier Filmen werden außergewöhnliche Lebensgeschichten von Helfern & Rettern in der Zeit des Nationalsozialismus erzählt, die Mut machen sollen, dass Courage und Mitgefühl immer möglich sind – auch unter den widrigsten Umständen.

Trude Fleischmann war Fotografin, Jungunternehmerin und ihr Fotoatelier schillernder Treffpunkt der Wiener High Society der 20er Jahre.

Die Geschichte der Künstlerin ist geprägt von ihrem freien Willen – weder gesellschaftliche Konventionen noch geschlechtsspezifische Rollen und Muster, oder gar der Antisemitismus hinderten Trude Fleischmann daran, unkonventionelle Wege zu beschreiten. Als Fotografin, als Geschäftsfrau, als jüdische Frau im Wien des aufkeimenden Nationalsozialismus. Mit ihren ästhetisch inszenierten Nacktaufnahmen von Tänzerinnen machte die damals erst 25-jährige Besitzerin eines Fotografiestudios Furore: Ein Skandal – war doch die Herstellung von Aktfotos zu dieser Zeit ausschließlich Männern vorbehalten. Erst zwei Jahre zuvor war Frauen in Österreich überhaupt erst das Wahlrecht zuerkannt worden. Und um Geschäfte zu führen, mussten sie immer noch das Einverständnis ihrer Männer einholen. Ihre Bilder wurden von der Polizei beschlagnahmt, die öffentliche Ausstellung verboten. Das bewirkte allerdings das Gegenteil: Trude Fleischmanns Fotografie-Salon wurde nur noch bekannter. Rasch wurde er zum Fixpunkt des Wiener kulturellen Lebens: sie fotografierte Theaterstars, Tänzerinnen und Intellektuelle. Berühmt wurden ihre Porträts von Zeitgenossen wie Karl Kraus, Adolf Loos oder Albert Einstein.

Von der Fotografin selbst gibt es allerdings kaum Bilder – sie war kamerascheu. 1938 bereitete der “Anschluss” Trude Fleischmanns Karriere ein jähes Ende; sie musste Österreich verlassen und emigrierte nach New York, wo es ihr gelang sich ein zweites Mal eine berufliche Existenz als Fotografin aufzubauen. Unter  ihren neuen Kunden waren auch europäische Emigranten wie u. a. Elisabeth Berger, Oskar Kokoschka, Lotte Lehmann, Otto von Habsburg, Arturo Toscanini. Nach vielen Jahren in New York zog sie sich 1969 nach Lugano in der Schweiz zurück.

Knappe 20 Jahre später kehrte sie in die USA zurück und lebte dort bis zu ihrem Tod 1990.

Trude Fleischmann war eine unkonventionelle Beobachterin und gilt als stille Kämpferin für die Gleichberechtigung – ungeachtet Religion, Geschlecht, Herkunft oder Konventionen.

Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland und dem Einmarsch der Truppen entscheidet sich Ella Lingens bewusst, in Wien zu bleiben.

Zusammen mit ihrem Mann Kurt setzt sie sich aktiv für ihre jüdischen Mitmenschen ein. In der Reichspogromnacht 1938 versteckt das Ehepaar zehn Juden in ihrer Wohnung. Gemeinsam versuchen sie Menschen zur Emigration zu verhelfen oder sie in Privatwohnungen zu verstecken. Als sie von einem Spitzel der Gestapo verraten werden, wird Ella verhaftet und nach Monaten im Gestapohauptquartier in Wien schließlich ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Zurück lässt sie ihren kleinen Sohn und den geliebten Mann, der nicht verhaftet wird. Im KZ nutzt sie als Häftlingsärztin ihre privilegierte Stellung und versucht ihre Mithäftlinge vor der Vernichtung zu bewahren. Nur knapp entrinnt sie selbst dem Tod, als sie an Flecktyphus erkrankt.

Nach der Befreiung aus dem KZ fällt es Ella Lingens schwer, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. Ihr Mann hatte gedacht, sie sei tot – und war eine neue Beziehung eingegangen. Ihre Ehe ist vorüber. Der Gedanke an ihre Familie hatte Ella im KZ aufrecht gehalten. Jetzt ist davon nicht mehr viel übrig.

Sie beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben und verarbeitet in ihren Publikationen die Verbrechen der Nationalsozialisten. Später geht sie an Schulen, um die Jugend über die dunkle Geschichte des Dritten Reichs aufzuklären. 1980 wird Ella Lingens von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem der Ehrentitel als „Gerechte unter den Völkern“ verliehen. Mena Scheuba-Tempfers Film „Ella Lingens – Die Macht der Entscheidung“ wird durch „Ellas“ Stimme als Voice-Over geprägt. Die Schauspielerin Claudia Kottal spricht Originalzitate, Berichte und Gedanken von Ella Lingens. Cornelius Obonya übernimmt die Rolle des Erzählers. Ellas Sohn Peter Michael Lingens, Profil-Journalist, erzählt aus seinen Erinnerungen über seine Mutter. Experteninterviews mit Danielle Spera, Hannah Lessing, Herwig Hösele, dem Historiker Michael John und Verantwortlichen aus der Gedenkstätte Yad Vashem vertiefen die Einblicke in die Geschichte. Dokumentarische Aufnahmen von Originalschauplätzen, wie dem Morzinplatz in der Wiener Innenstadt und dem Baum in der „Allee der Gerechten“ in Jerusalem, verbinden die Orte der Vergangenheit mit jenen der Gegenwart. Die Geschehnisse werden durch Spielszenen gezeigt: u.a. gespielt von Ella Lingens Enkelsohn als Kurt Lingens und der Schauspielerin Helena Scheuba als Ella Lingens.

Der Film „Ella Lingens – Die Macht der Entscheidung“ ist Teil der Dokumentationsreihe „Gerechte unter den Völkern“. In vier Filmen werden außergewöhnliche Lebensgeschichten von Helfern & Rettern in der Zeit des Nationalsozialismus erzählt, die Mut machen sollen, dass Courage und Mitgefühl immer möglich sind – auch unter den widrigsten Umständen.

Margarete Schütte-Lihotzky: erste Architektin Österreichs und kompromisslose Widerstandskämpferin.

Sie gilt als Pionierin der sozialen Architektur und Heldin im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Und sie entwickelte die „Frankfurter Küche“, die als Vorläufer der heute weltweit eingesetzten Einbauküche gilt. Einen „Marketing-Gag“ nannte es Schütte-Lihotzky, dass ihr als einzige Frau im Architekten-Team die Aufgabe des Küchendesigns zugeteilt worden war. Und: “Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut!”. Die erste universitär ausgebildete weibliche Architektin, Stadtplanerin und spätere Widerstandskämpferin Schütte-Lihotzky arbeitete mit Adolf Loos, Béla Bártok und Max Reinhardt in Wien und Frankfurt, in Rotterdam, Paris, Sofia, Moskau, Magnitogorsk und China1938 schloss sie sich dem antifaschistischen Widerstand an und verließ ihren derzeitigen Arbeits- und Lebensmittelpunkt Istanbul, um zurück in ihre Heimatstadt Wien zu gehen. Dort konnte sie nur wenige Wochen im Widerstand aktiv sein, bevor sie verraten und verhaftet wurde. Sie wurde zum Tode verurteilt und entging dem Schicksal vieler ihrer Kameraden nur um Haaresbreite. Eine Verkettung glücklicher Umstände, Zufälle und der Einsatz ihres Mannes verhinderten um Haaresbreite ihre Ermordung.. “Wäre ein einziger dieser Umstände ausgefallen … ich wäre seit Jahrzehnten tot.”

Margarete Schütte-Lihotzky starb kurz vor ihrem 103. Geburtstag. Über ihre unzähligen Wohnbauten und Kindergärten in Deutschland und Russland, über ihre Tätigkeit in Kuba, in der DDR sowie für die Uno, über die ihr aufgrund ihrer kommunistischen Gesinnung entgegengebrachte Ignoranz im Österreich der Nachkriegsjahre sprach sie wenig.

In ihren Erinnerungen aus dem Widerstand schrieb sie: “Oft fragten mich nach 1945 verschiedenste Leute, auch solche, die keineswegs Nazis waren, warum ich denn aus dem sicheren Ausland nach Wien gefahren bin. Immer wieder empört mich diese Frage, immer wieder bin ich entsetzt über die mir so fremde Welt, in der diese Frage überhaupt eine Frage ist.”

Die Dokumentation lässt Wegbegleiter und Experten wie Christine Zwingl vom Margarete Schütte-Lihotzky Club zu Wort kommen und erzählt von den beiden Leben Margarete Schütte-Lihotzkys; dem als erster Architektin und dem als Widerstandskämpferin.